Am Vatertag unterwegs

Die ersten Schritte waren hart. Ich musste feststellen und erkennen, nicht nur wie schwer mir das Gehen fiel, wie ängstlich ich dabei bin und wie wackelig alles ist, sondern auch wie unfähig sich das anfühlt. Natürlich kommt man sich dabei doof vor. Es ist eine Mischung aus Schamgefühl und fast schon Schuld. Man gehört nicht mehr zum Club der Gehenden, nicht zu den Normalos, zur Welt. Man ist jetzt ein humpelndes Problem, eher eine Herausforderung für alle. So fühlt es sich zumindest ständig an. Man wird zur Last für aller anderen.


Aber dann gibt es noch die, die in solchen Momenten einfach da sind. Ein Freund – selbst Masseur – musste an diesem Feiertag, um nicht in die Kurzarbeit gehen zu müssen, auf meiner Station arbeiten. So kam er einfach vorbei, ohne lange zu fragen und überredete mich bzw. zwang mich fast, mit ihm raus zu gehen auf einen kleinen Spaziergang – im wahrsten Sinne des Wortes. Natürlich war das eine riesige Herausforderung für mich, da ich bisher nur im Rahmen der Krankengymnastik ein paar erste Gehversuche gemacht habe. Alle Vorsicht haben wir ziehen lassen, als er mir nicht mehr als gelegentlich seine Hand bot, um aus dem Rollstuhl rauszukommen und mich dann auf dem Hirtenstock zu stützen. Nach 200 m haben wir eine erste Bank erreicht. Ein riesiges Ziel für mich, dass ich ohne diesen Druck nicht erreicht hätte.
Die kurze Fußmassage auf der Bank war für mich wie ein kleiner Tankstopp. Mit etwas neuer Energie ging es dann zurück neben ihm her, der nun in meinem Rollstuhl saß und fuhr. Na klar, war ich danach platt und brauchte eine lange Pause. Undich war glücklich. 
Das war der Anfang meiner eigenen Gehversuche. Danach war ich draußen alleine oder auch auf dem Gang unterwegs. Mal abgesehen von einem kräftigen Regen, der mich eines Abends auf halber Strecke – jetzt schon 400m und leicht bergauf – erwischte, hatte ich das große Glück, nie zu stürzen oder mir ernsthaft weh zu tun. In dieser Zeit wurde mir klar, dass es einen Weg raus aus dem Rollstuhl gab. Er lag da irgendwie vor mir. Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Aber irgendwo war er. Schön, wenn man Freunde hat, die einem einfach mal in den Allerwertesten treten… 😁

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